<p class="ql-block">Der Xu ist ein Teefanatik.</p> <p class="ql-block">Sp?rliche Schatten liegen schr?g über dem klaren seichten Wasser; Verborgene Düfte schweben sanf in der mondbeschienen D?mmerung. Den ganzen Nachmittag sind wir zusammen geblieben. Xu tr?gt lockere Kleidung: ein schlichtes M?nchshemd mit offenem Kragen, weite lüftige Hose aus schwartzen Leinen, schwarze Sandalen tragend. Eine rote Zinnoberkette liegt um seinen Hals, in der Hand reibt er eine Gebetskette aus Sandelholz. Der Fingerring aus grüner Jade f?llt besonders auf, sanft wie seine seidenartige Haut dank des langj?hrigen Teetrinkens. Xu erz?hlt über den Tee. Wir h?ren zu. Ab und zu stellen wir Fragen. Das Teehaus unter der Verwaltung von Xu und seiner Frau befindet sich in der Altstadt. Sie haben es gemietet. Seine Mutter wohnt alleine ein paar Schritte weiter vom Teehaus. Er kann Mama zu jeder Zeit betreuen. Seine Frau hat uns einen Tisch im Hof serviert mit Teegeschirr. Die gro?en Augen unter den dichten Augenbrauen strahlen auf seinem M?nchsglatzkopf. Sein rundes und volles Gesicht ist hell beleuchtet von dem Feuerofen auf dem Tisch im Mondlicht. "Ein guter Tee l?sst unter den Achseln Wind wehen und unter der Zunge quillende Quellen t?nen. Es ist wahr." Xu nimmt die gro?e Kane auf dem Feuerofen und gie?t uns Tee ins jeweilige kleine Teegeschirr. "Bo, dieses Teegeschirr ist zu teuer." "Liebe Simone, diese Teetasse gef?llt mir ausgezeichnet. Ich muss die kaufen. Ich wei?, sie ist nicht billig aber sie hat den Wert. Der Tee in dieser Schale schmeckt mir anders besser als in den anderen Schalen. Guck mal, die dunkel schwarze Schale ist wie unser Universum, fern entfernt und unergründlich. Die Schale selber bildet ein Kleinuniversum. Xu hat so viele gute Sachen. In seinem Teelagerhaus erst eben bin ich wirklich sehr sehr schockiert. Aber man kann nicht alles haben." Wenn wir beim Thema Tee sind, kann ich auch wie Xu ununterbrochen reden.</p> <p class="ql-block">Das Interview mit Xu hat etappenweise mehr mals die Orte gewechselt. Der Treffpunkt ist ausgemacht in seinem Teelagerhaus. Es liegt in einem alten Wohnviertel. Auf unser Klopfen an der Metalltür hat der Hund drinnen mit willdem Gebell reagiert. Vor dem Eingang des Teelagerhauses von Xu haben wir angefangen, direkt über den Tee zu sprechen. Xu sitzt auf einem Hocker. Dünne Rauchschwaden von dem Qualm seiner Zigarre und dem Tee steigen langsam empor. über uns ert?nt immer wieder das Dr?hnen von Flugzeugen. "Bis heute bin ich genau 9513 Tage lang dem Tee gewidmet. Seit dem 5. Mai 1999 habe ich mich mit allem rund um den Tee befasst – angefangen von der Sammlung, Herstellung und dem Vertrieb bis hin zur Teekunst. Ja, ich habe jede Facette dieser Branche praktiziert. Es war ein Freund aus Fujian, der mich damals in Peking in diese Branche eingeführt hat. Warum erinnere ich mich so pr?zise daran, weil drei Tage sp?ter die chinesische Botschaft in Jugoslawien bombardiert wurde. Damals war ich jung, ein patriotischer Wutanfallender. Also bin ich zur US-Botschaft gegangen – genau drei Tage nach meinem ersten Tag im Teegesch?ft, also am 8. Mai.</p><p class="ql-block">Nicht wahr? Ich habe demonstriert, habe Pflastersteine getreten und gegen die US-Botschaft protestiert. Deshalb erinnere ich mich bis heute an das genaue Datum, an dem ich mit dem Tee begonnen habe. Wenn heute genau dasselbe passieren würde, h?tte ich genau den gleichen Impuls – einfach weiterzumachen. Mut und Entschlossenheit haben nichts mit dem Alter zu tun. Damals war ich jung und patriotisch, jetzt bin ich zwar schon nicht mehr ganz jung, aber immer noch genauso patriotisch. Wir Chinesen haben einen tief verwurzelten Familien- und Vaterlandssinn. Wo sollte man ohne Land ein Zuhause haben? Meine Familie hat das wahrscheinlich auch in der Tradition verankert. Mein Gro?vater wurde 103 Jahre alt. Als er erst ?lter als Zehn Jahre alt war, marschierten die Roten Armeen w?hrend des Langen Marsches durch unsere Heimat Liangshan in Sichuan – und er lief schon für sie Boteng?nge. übrigens, ich rauche Zigarre. M?chte jemand von euch eine probieren? Ich stecke mir einfach eine an."</p> <p class="ql-block">Ich habe Xu's Erz?hlen untersch?tzt. Er hat so viel erz?hlt mit Begeisterung. Aber meine Konzentration liegt allm?hlich nicht mehr auf seine Geschichte. Ich sp?he durch die Statue von Xu ins Lagerhaus hinein. "Wir gehen jetzt essen in der Altstadt. Ich suche zwei Flaschen Alkohol. Was wollt ihr trinken, Schnaps oder Wein? Whisky habe ich auch. Ich habe drei Hobbys: Tee, Alkohol und Zigarre. In den Teelagerh?usern ist nicht nur Tee gelagert, sondern auch Alkohol." Xu steht auf und bringt den Teetisch am Eingang zur Seite. Mach auf, Sesam! Die Tür zum Schatz ?ffnet sich langsam und sanft. In Beijing wohne ich an der Teestra?e Maliandao, es ist der gr??te Teehandelsmarkt in Nordchina. Ich denke, ich kenne mich mit Tee ein bisschen aus. Aber wenn wir von Xu ins Lagerhaus geführt sind, fühle ich mich wie ein Frosch im Brunnen. Simone macht genauso wie ich gro?e Augen. "Lieber Xu, ich bin total von dir überrascht. Hier ist für mich wie eine gro?e Fabrik. Kannst du mir vielleicht ein wenig davon erz?hlen? Das w?re sehr nett von dir." Simone l?sst mich dolmetschen.</p> <p class="ql-block">"Das Teelagerhaus war ursprünglich ein gro?es Lager für Getreide. Ich habe es umgebaut. Jetzt hat es mehrere R?ume. Ich habe all die R?ume in drei Etagen umgebaut. Allein hat der Umbau mir mehr als eine Million Yuan gekostet, vor allem das Rosenholz aus Burma für den stabilen Boden und das Metall. Ich habe das Lager selber entworfen und dann bauen lassen. In den vielen R?umen ist jede Menge Sachen vorhanden. Ich kann aber mich an alle Sorten und Sachen erinnern, was wo ist. Wie du sagtest, hat der arabische Emir über 100 Kinder – kennt er sie nicht alle genau? Wer von welcher Frau geboren wurde, welcher Platz er einnimmt – alles kennt er auswendig. Und ich bin genauso. Europ?er nehmen Gerüche eigentlich viel intensiver wahr als wir Chinesen, denn sie trinken gerne Weine – ihre Wahrnehmungsempfindlichkeit ist gr??er als unsere. Vor zehn Jahren habe eine Teezeremonie organisiert. Zu dieser Veranstaltung kamen Spitzenkünstler und auch einige Gelehrte. Die Deutschen waren total erstaunt und sagten, da? chinesischer Tee so einen wunderbaren Duft habe – und das ganz ohne Zusatzstoffe, vollkommen natürlich. Wenn du jetzt diesen Duft riechst, wie soll ich ihn beschreiben? Ich sage, es ist wie die ?therische ?l-Aromatherapie der Westler – nur da? dies unsere chinesischen natürlichen Aromen sind. Zur Zeit konzentriere ich mich haupts?chlich auf die Teetherapie und dieser Tee geh?rt dazu. Simone, wenn du ihn jetzt riechst, willst du tats?chlich von ihm geheilt werden. Gleich bei der Teetherapie werde ich dir damit deinen Kopfschmerz lindern – du brauchst nur diesen Duft einzunehmen. Die Deutschen trinken im Alltag haupts?chlich Schwarzen Tee; eigentlich kennen sie nur schwarzen Tee und grünen Tee, andere Teesorten trinken sie selten und haben kaum damit Kontakt. Wenn wir noch ein bisschen weitergehen, kommen wir zur Weinlagerung. Das sind die Weine, die ich vor zehn Jahren von Shandong nach Chengdu gebracht habe – heute Abend trinken wir sie zusammen. Alter Wein ist wie unser Kumpel Yuan: Wir kennen uns seit zwanzig Jahren, haben uns aber nie pers?nlich getroffen, und jetzt treffen wir uns endlich. Das ist einfach Schicksal. Er hat mir gerade extra gesagt, ich soll Simone gut behandeln und sie ordentlich betrinken lassen. Alter Wein, alter Tee, alter Freund, zum Wohle!</p> <p class="ql-block">"Ich habe all meine Sachen benutzt – sobald ich etwas kaufe, nutze ich es. Nur durch die Nutzung entsteht eine Verbindung zwischen mir und dem Gegenstand. Und zuerst muss man alles entmagnetisieren – das hei?t, man bricht seine ursprünglichen Informationen und den 'Code' zu anderen Personen ab. Dann wird es wirklich dein Ding, und es kommt zu einem Seelenkontakt, einer geistigen Kommunikation zwischen dir und ihm. Schaut euch diese Teetassen an – diese hier sind chinesische, und die da sind japanische. Die japanischen werden speziell für Matchatrinken verwendet. Ach ja, kommt mal her und schaut euch diese Teekannen an – alle habe ich selbst entworfen und hergestellt. Diese hier ist nicht zum Verkauf, aber die daneben schon. Das, was man jetzt sieht, hei?t Gintzugi, also Goldlack-Reparatur. Wir brennen die Teekanne zuerst aus, dann schlagen wir sie in Stücke. Jedes Stück brennen wir dann noch einmal bei unterschiedlichen Temperaturen. Dadurch erhalte ich Daten: Bei welcher Temperatur und wie lange muss man brennen, damit diese Farbe entsteht? Und bei welcher Temperatur und wie lange für eine andere Farbe? Aus all diesen Daten wissen wir es dann. Diese drei Teekannen bestehen aus genau dem gleichen Ton, aber durch unterschiedliche Brenntemperaturen und Brennverfahren zeigen sie ganz unterschiedliche Farben und Texturen. Und das Stück in deiner Hand, Wang– die Verarbeitung darauf nennt sich Impasto-Maltechnik aus der Qing-Dynastie, geh?rt auch zur Familie der Tonmalereien. Siehst du, diese traditionelle Form hei?t Qinquan (Hommage auf die Gewichtseinheit der Qin-Dynastie). Und das hier ist wieder anders: Goldene Glocke. Die beiden Teekannen bestehen aus genau dem gleichen Ton, aber durch unterschiedliche Brenntemperaturen ergibt sich ein v?llig unterschiedlichen Effekt. Für diese Form habe ich ein Designpatent angemeldet. Ich habe sie Dàzhǎn Hóngtú (Gro?e Pl?ne verwirklichen) genannt und so beim Patentamt eingetragen. Diese Teekanne vereint die gesamte Geschichte des Tees in sich. Der unterste Teil ist eigentlich ein alter Tributteller, steht für die Teeopferungen der Vergangenheit. Darauf folgen die drei Dimensionen: medizinische Anwendung, Trinkgebrauch und Verzehr. Man kann es auch einfach als eine überdimensionierte Sichuaner Deckelschale verstehen. Für sie habe ich zudem eine neue Teebrühmethode entwickelt – die nenne ich Zhǎnpào-Fa (Schlagbrühmethode).</p> <p class="ql-block">Durch die G?nge zwischen den unz?hligen Tongef??en müssen wir meistens schr?g durchkommen. Xu zeigt hin und her: "Obwohl ich hier so viele Tees habe, gibt es eigentlich nur zwei Sorten: Die eine, die andere Leute gemacht haben und ich gesammelt habe, und die andere, die ich selbst gemacht habe – basierend auf meinem Verst?ndnis der chinesischen medizinischen Fünf-Elemente-Lehre, der 24 chinesischen Jahreseinteilungen sowie des Bodens, und natürlich auf allem, was ich aus Lu Yus 《Klassiker des Tees》verstanden habe. Zum Beispiel dieser Tee hier – ich habe ihn am 7. August 2020, genau am Tag des Herbstbeginns, hergestellt. Das ist also ein Tee zur richtigen Jahreszeit! Und ich habe getrocknete Orangenschle verwendet, die direkt aus dem Kernanbaugebiet von Xinhui, dem ursprünglichen Anbauort von dieser Orangegenschale stammt – und zwar die Orangen, die genau an diesem Tag geerntet wurden. Die Chinesische Medizin spricht von Kombination und Zusammensetzung von Zutaten: Ich habe einen alten Tee hineingemischt, und dieser Tee muss mindestens drei Jahre in dem Tongef?ss ruhen, bevor ich ihn jemanden trinken lasse. Komm, Simone, riech mal – dann werden deine Kopfschmerzen gleich weg sein. Lasst uns weitergehen – okay, das hier ist typischer Wei?tee. Und dieser Wei?tee stammt direkt aus Fuding von der Provinz Fujian. Was macht ihn denn besonders? Erstens: Bevor ich diesen Tee produzierte, habe ich den Teeplantagenbetrieb gemietet – und für drei Jahre streng verboten, etwas zu pflücken. Im vierten Jahr, nachdem wir den Tee fertiggestellt hatten, gaben wir den Betrieb einfach zurück an den Eigentümer. Dann legten wir den Tee im Tongef?? und lagerten ihn fünf Jahre lang unter Erde, bevor er zum Trinken bereit war. Eigentlich betrachte ich das ganze als meine Performance-Kunst – einfach Freunde mit der Zeit sein. Denn nur wenn du Hoffnung auf die Zukunft hast, wirst du so etwas einlagern und sammeln. Das hier ist der Gedenktee zu meinem 25-j?hrigen Jubil?um in der Teebranche. Die Verarbeitungstechnik stammt von den Schwarzteeverfahren der Wuyi-Berge, aber das Rohmaterial kommt aus Yunnan. Dieser Topf hier habe ich nicht zugedeckt – er soll sich voll und ganz mit Sauerstoff verbinden k?nnen. Aber schaut mal, ich ?ffne noch einen zugedeckten Topf mit genau demselben Tee – riech mal, der Aroma ist noch viel intensiver. Die beiden sind n?mlich absolut identisch, genau derselbe Tee. Letztes Jahr habe ich davon 3835 Scheiben gemacht. Atme tief ein – riechst du diesen wunderbaren pilzigen Duft? Letztes Jahr, zu meinem 25-j?hrigen Jubil?um, habe ich drei Schüler aufgenommen. Jeder von ihnen hat eine eigene Teesorte gemacht, und die T?pfe wurden dann mit Siegelwachs versiegelt. Dieses Logo hier ist unsere eingetragene Marke – es hat die Form eines Vajras, aus dem tibetischen Buddhismus. Eigentlich hat also jeder unserer Tees eine Art Segenkraft – das geht dann schon in den Bereich der Metaphysik. Viele Leute fragen mich, was Teetherapie eigentlich ist. Dann erkl?re ich es ihnen so: Das Ende der Schulmedizin ist die Traditionelle Chinesische Medizin, und das Ende der TCM ist die Metaphysik. Und diese ganze Lagerungsmethode? Eigentlich habe ich sie von den Ausl?ndern gelernt – von denen, die Whisky machen! Die benutzen ja Bourbonf?sser oder Eichenf?sser zur Reifung. Also habe ich mir gedacht: Ich benutze einfach diese T?pfe. Deshalb kann ich dir garantieren: Wenn ich sage, dieser Tee lag 20 Jahre in dem Topf, dann ist er wirklich 20 Jahre alt. Und der Geschmack, den du jetzt trinkst, ist genau der Geschmack, den er hatte, als ich ihn aus dem Topf genommen habe. Kommt mal her und schaut euch diesen Tee an – das ist ein Alter-Baum-Tee, er ist im Grunde nichts anderes als die Anh?ufung von Zeit. Au?erdem w?chst er mitten im Urwald – das ?kosystem dort ist extrem urtümlich. Damals gab es aber noch gar kein Konzept von ?kologie oder 'Bio', das sind alles Begriffe, die die Moderne erfunden hat. In solchen Urw?ldern ist niemand unterwegs, die Pflanzen werden von keiner menschlichen Hand gest?rt. Und das hier – das ist genau der Tuocha, den ich euch eben unten schon zeigte. Dieser Tee wurde 1990 speziell nach Anweisung des 14. Panchen Lama hergestellt, als er nach Xiaguan in der Provinz Yunnan reiste. Für mich z?hlt das quasi zu den Ma?anfertigungen. Zur Hochkonjunktur, als die Wirtschaft gut lief, hat so ein Stück von 250 Gramm allein schon 200.000 Yuan gekostet." Mit einer konkreten Preisangabe kommt mir klar vor, was für ein Verm?gen Xu in seinem Teereich aufgebaut hat. Von seinem Erscheinungsbild kann man sich gar nicht vorstellen. Das Gro?artigste besitzt keine feste Gestalt, es ist wahr.</p> <p class="ql-block">Das Teehaus ist momentan nicht viel besucht. Madame Xu hat Teegeschirr auf den Tisch organisiert. Wir fangen zuerst mit dem schwarzen Tee an. Das Teehaus war ursprünglich nur für Xu selbst zum Teetrinken da. Im Laufe von der Zeit kommen mehr und mehr Besucher und jetzt ist es zum Gesch?ft geworden. Der siebenj?hrige Sohn ist auch am Tisch anwesend. Simone hat eine kleine Flasche Obstschnaps aus Deutschland Xu verschenkt. Tee und Schnaps bringen die Situation allm?hlich in die richtige Atmosph?re. "Danke! Naher beim Abendessen trinken wir Schnaps von Sichuan. Das richtige Ding muss man mit den richtigen Leuten teilen. Ich habe Yuan vor zwanzig Jahren auf Wechtat kennen gelernt aber vorher noch niemals getroffen. Wir haben einen gemeinsamen guten Freund. Er ist auch wie ich ein Teefanatiker. Er lud mich nach Qingdao ein, um die Teezeremonie zu veranstalten. Er hat mich jedesmal ziemlich hoch honoriert. Das ist eins der Fraktoren, da? ich mich dem Tee bis heute immer noch widme. Vor zwanzig Jahren habe ich von den ?rztlichen Instrumenten viel Geld gemacht. Der Maslowschen Bedürfnishierarchie gem?? hatte ich Geld aber kein Ansehen. Ich habe mich entschieden, Tee zu machen. Ab den 5. Mai 1999 mache ich ausschlie?lich Tee. Seit dann mache ich jedes Jahr an diesem Tag einen Jubil?umtee und nehme ich Schüler auf. W?hrend meines gesamten Weges mit Tee ist der Handel nur ein Aspekt. Der weit gr??ere Teil meiner Arbeit besteht jedoch darin, die kulturelle Vielfalt des chinesischen Tees zu bewahren – insbesondere die ursprünglichen Tee-Sorten, die erstklassigen Sorten und die traditionellen Verarbeitungstechniken. Und dies braucht Zeit, um seine Wertigkeit zu beweisen. Denn heute streben die meisten Menschen nur nach schnellen Gewinnen, kaum jemand ist bereit, Zeit in die überlieferung dieser Kunst zu investieren. Genau hier unterscheiden wir uns von den anderen: Wir gehen einfach langsamer vor."</p> <p class="ql-block">"Ich habe Teeplantagen und Teel?den betrieben und zehn Jahre in Jinan von der Provinz Shandong verbracht. Früher gab es meine Teeverkaufsstellen in den H?ndlern von Import-Mercedes, BMW, Volkswagen sowie Volvo, darüber hinaus auch in einigen Fünf-Sterne-Hotels. Ich habe etwa drei?ig Mitarbeiterinnen eingestellt. Da die Kunden viel freie Zeit zur Verfügung hatten, wenn sie ihre Autos zur Wartung oder Reparatur gebracht haben, lie? ich meine Teemeisterinnen mit ihnen ins Gespr?ch kommen – wir nutzten diese freien Minuten, um unsere Marke bei ihnen zu verankern. Zu dieser Zeit erlebte China ja eine Wohlstandssteigerung; die Leute, die Luxusautos kauften, hatten n?mlich durchaus klare Vorstellungen von Lebensstil und Markenwerten. Aus diesem Grund haben wir zu jener Zeit einen solchen Kundenkreis aufgebaut. Viele meiner Kunden waren Gesch?ftsführer von b?rsennotierten Unternehmen. Vor der Einführung der Acht-Punkte-Vorschrift lief mein Gesch?ft regelrecht pr?chtig. Als du mich gerade fragst, wie mein Verm?gen kreislaufm??ig gewachsen ist – ja, ich habe mir einfach eine eigene Wettbewerbsbarriere aufgebaut, und zudem auch einen geschlossenen, selbsttragenden Gesch?ftszyklus geschaffen. Die Automobilindustrie verk?rpert ihren Spirit der handwerklichen Meisterschaft – genau das entspricht unserem uralten Verst?ndnis von Tradition. Die Chinesen sind zwar mittlerweile wohlhabend geworden, aber noch nicht wirklich kultiviert im Geist. Ich habe von Ausl?ndern sehr viel gelernt, zumindest in Bezug auf die grundlegenden Konzepte. Man denke nur daran: Welche Trauben als Rohstoff verwendet werden, welche Verarbeitungstechniken angewendet werden und wie lange die Reifung dauern soll. Das Gleiche gilt auch für die Whiskyherstellung, nicht wahr? Warum k?nnen denn die ausl?ndischen Weingüter dann über Generationen hinweg bestehen? Ganz einfach – es ist genau das Gleiche Prinzip, wie ich jetzt Schüler aufnehme." Der Sohn betrachtet uns die ganze Zeit. Er dreht seinen Kopf hin und her aber sein Blick fixiert meistens den Papa. Endlich kann er nicht mehr mit den Erwachsenen sitzen bleiben und verschwindet in unserer Sicht. Madame Xu hat drei neue Teeschalen auf den Tisch gebracht. Xu hat die Teekanne entleert und tut einen neuen hinein. Er hat den Feuerofen ein bi?chen kr?ftiger erh?ht. Yuan riecht den neuen Tee und schmatzt dauernd. Simone versucht mich zu überreden, auf den Kauf der Tertasse zu verzichten. Aber mein sarker Wille hat schon die Entscheidung getroffen. Mehr und mehr Kunden sind angekommen. Im Hof herrscht reges Treiben. Der Xu aber ist noch nicht genug davon.</p> <p class="ql-block">"Der Tee enth?lt Deckeldampfduft, Tassenbodenrestduft, Wandtropfenduft, Wasserinfundierte Duftnote. Das sind vier Duftschichten. Es gibt noch eine fünfte: Wenn man am n?chsten Tag erneut riecht, ist der Duft noch vorhanden – der sogenannte Kaltduft. Wenn wir gerade Tee tranken, k?nnen wir die Erfahrung in zwei Hauptaspekte unterteilen: erstens den Geruchssinn, zweitens den Sehsinn. Wo liegt nun der Zauber des chinesischen Tees? Der chinesische Tee reicht in seiner Farbe vom Grün über Weinrot bis zu einem dunklen Ton – und dieser Dunkelton ist keineswegs ein reines Schwarz. Es gibt mehr als tausend verschiedene Duftnuancen, und genau so viele Teesorten wie mehr als tausend bedeuten auch mehr als tausend verschiedene Aromen. Die Farben sind bunt wie ein Regenbogen. Das ist genau der erste Aspekt, also der Sehsinn und Geruchssinn. Was den Geruchssinn und den Geschmack im Mund betrifft, gliedert sich die Erfahrung in drei Ebenen: Erstens die Sü?rückvergnügung – man spürt, wie eine sü?e Note im Kehlkopf nachklingt, nachdem man den Tee geschluckt hat. Zweitens die Speichelbildung in den Wangen. Drittens das 'Sprudeln der Quelle unter der Zunge' – ein Gefühl, als würde eine Quelle unter der Zunge pl?tzlich zu flie?en beginnen. Eigentlich spielt es keine Rolle, ob man sich damit auskennt oder nicht. Wie ich gerade erz?hlt habe, gibt es fünf Duftschichten, zus?tzlich zu diesen drei Geschmacksebenen. Wenn du dich nur an diese Merkmale erinnerst und sie dann bei der Teezeremonie spürst, wirst du automatisch erkennen, ob der Tee gut oder minderwertig ist. Abgesehen von den sensorischen Empfindungen ist es auch eine Wissenschaft. Wenn wir zum Beispiel von der Sü?rückvergnügung sprechen, handelt es sich dabei tats?chlich um die Reaktion von Polyphenolen und anderen Substanzen im K?rper. Wenn aber von der Speichelbildung in den Wangen die Rede ist, dann liegt das daran, dass der Tee von bitter nach sü? wechselt und durch seine Reizwirkung die Speicheldrüsen in den Wangen zur Sekretion anregen. Unter der Zunge befinden sich vier Drüsen – wann werden denn endlich die angenehmen Dopamine ausgeschüttet? Bei einem Zungenkuss, natürlich." "Endlich lachst du! Endlich lachst du! Xu!?, sagt Simone ziemlich laut. Ihre Kopfschmerzen sind sehr wahrscheinlich gelindert. "Ich bin eher der Leidenschaft-verhaltene Typ", fügt Xu kochendes Wasser in die Teekanne hinzu. "Je mehr Tee ich trinke, desto klarer und vernünftiger werde ich. Guter Alkohol ist da ein bisschen anders. Wenn wir also gleich Alkohol trinken, werde ich oft lachen – der Alkohol l?sst eine andere Seele in mir hervortreten. Der Mensch ist anst?ndig, aber der Alkohol ist es nicht – und so wird der Mensch auch unanst?ndig. Ich muss ja der Meister für meine Schüler sein, kann mich nicht zu sehr locker machen. Aber wenn ich Alkohol getrunken habe, ist das egal." "Wow, nach zwei Stunden zeigst du endlich dein L?cheln!" Wir alle vier lachen herzhaft.</p>